Die Beförderung
Schwerelos. Umhüllt von warmen Lichtstrahlen und dunklem Sole-Wasser lässt er sich treiben. In einer Kulisse japanisch inspirierter Architektur ertönen Walgesänge aus Lautsprechern. Lars wurde befördert. In Zeitlupe bewegt er sich auf zwei Schwimmnudeln. Es ist Samstag früh am Morgen und noch ist es komplett leer hier, in seinem Berliner Lieblings-SPA. Gestern endlich der lang ersehnte Karrieresprung, auf den er die letzten Jahre hingearbeitet hat: Ein unverschämt hohes Gehalt und ein eigenes Büro mit Blick auf die Spree, aber auch von mehr Bereitschaft für Dienstreisen und Überstunden sprach seine Chefin. Lars sieht sich schon, nach einem harten Arbeitstag mit etlichen Konferenzen, majestätisch in seinem neuen Charles & Ray Eames Stuhl sitzen und ein paar Joints drehen. Harte Drogen konsumierte er eigentlich nur in stressigen Phasen und die hatte er definitiv. Nachmittags gelegentlich ein Cocktail aus Amphetamin und Kokain und spätabends wieder ein paar Joints zum Runterkommen. „The White Welcoming“, hieß es, als auf seiner ersten Pitch-Party feierlich Lines verteilt wurden. „Die Branche ist ein sexy Drecksloch“, prostete ihm Sara, eine Kollegin aus dem Marketing, zu. Ein paar Tage später flirtete sie beim Lunch erneut mit ihm. Optisch war sie sein Typ, aber in der Summe der Eigenschaften passten sie nicht zueinander. Sie war laut, brutal und verführerisch, wie die Welt in der sie sich bewegte. Er musste sich verändern oder würde bald untergehen. Also begann er die Routinen seiner Kolleg:innen zu imitieren. Nach der Arbeit trainierte er, schlief nachts maximal drei Stunden und war nur noch in Szene Bars unterwegs. Er wurde ein Prototyp „Made in Berlin“. Das substanzlose Klischee des erfolgreichen Alpha Mannes. Als Saras Flirts eindeutiger wurden überwand er sich und lud sie zum Essen ein. Der Abend verlief anfangs holprig und endete in einem Fiasko. Sie schwärmte den ganzen Abend vom Thailand Urlaub mit dem Ex, während er insgesamt 8 Gin Tonics weg kippte. Zu Hause übergab er sich mehrmals. Auf dem glatt polierten Badezimmerboden seines Apartments brach er schließlich zusammen. Die Kombination aus Schlafmangel, Drogenkonsum und konstantem Leistungsdruck schien ihre Spuren zu hinterlassen. Einen Krankenwagen konnte er nicht mehr rufen. Erst Stunden später wachte er in seinem Erbrochenen auf. Es vergingen Jahre. Sara und er ignorierten sich seit dem Abend konsequent. Irgendwann war sie weg. Er sah wie seine Kolleg:innen der Reihe nach das Handtuch warfen. Manche bekamen psychische Probleme, wurden abhängig oder bekamen Kinder. Er blieb. Im Rhythmus diverser Walrufe versucht er sich weiter zu entspannen. Neben ihn gesellt sich eine Frau mit ihrem Kind dazu. Eine warme Aura umgibt die beiden. Aufmerksam beobachtet er die Mutter-Kind Szene. Sie bemerkt seinen Blick und lächelt ihn freundlich an. Ertappt taucht er ruckartig den Kopf unter Wasser. Jetzt eine Beziehung zu haben oder gar ein Kind zu bekommen, undenkbar für ihn. Lars ist Single. Seine letzte Beziehung ist 6 Jahre her. War dann alles irgendwann vorbei. Er war bereit und sie nicht. Keine Kinder wollte sie. Aber vor allem nicht mit ihm. Auf einmal spürt er seine Gedanken, wie elektrische Beben durch seinen Körper rasen: Die Klinik und der Tag an dem sie ihm sagte, dass sie es nicht bekommen möchte. Es war die richtige Entscheidung. Ihre Entscheidung. In seiner Vorstellung war die Beförderung zum Creative Director einer namhaften Berliner Werbeagentur spektakulärer gewesen. Zumindest etwas mehr Euphorie hätte er von sich erwartet. Es war alles was er je wollte. War es das? Plötzlich wandelt sich der Glanz des gesellschaftlichen Aufstieges in ein seltsames Unbehagen. Zu Hause hätte er dieses Gefühl einfach mit einem Joint weg geraucht. Er spürt auf einmal eine bedrohliche Dosis an Gefühlen in sich hochkommen. Er schließt die Augen und atmet die warme, feuchte Luft ein. In seinem Kopf öffnet sich ein großer Raum und eine tiefe Trauer kriecht in ihm hoch. Eine kleine glitzernde Träne gleitet hinab und vereint sich mit dem salzhaltigen Sole-Wasser. Ein Meer aus längst vergessenen Gefühlen. Er hatte diese innere Wärme gespürt als er erfuhr, dass er Vater werden würde. Es war als könne er das Universum spüren. In ihrem kam er leider nicht vor. Der Raum in seinem Kopf zieht sich schlagartig wieder zusammen und hinterlässt ein Gefühl der Leere. Er verlässt das Solebecken. Stürmisch duscht er die Salzreste von sich ab und checkt aus. Vor dem Eingang des SPAs bestellt er sich ein Taxi per App. Dann wählt er eine Nummer. „Hallo, Lars hier. Ich möchte für heute Abend 18 Uhr einen Tisch reservieren. Es gibt was zu feiern!“ 10 Minuten später trifft das Taxi ein. Als er gerade dabei ist einzusteigen steht auf einmal die Frau mit dem Kind hinter ihm. Ihr nasses Haar leuchtet in der Sonne. „Hi, ich bin Jana.“
Süße 
Lisa ist präzise. Sie war schon immer ein gründlicher, fleißiger Mensch. NC: 1,0. Jahrgangs-Beste. Sie arbeitet jetzt schon 7 Jahre bei „The Big Box“. „The Big Box“ ist ein Süßwaren-Start-Up aus Berlin. Alle Inhaltsstoffe sind vegan und die Verpackung wird nicht nur CO-2 positiv hergestellt, sondern ist auch komplett recyclebar. Versteht sich von selbst, dass Lisa von Anfang an wusste, dass sie hier richtig ist. Nach dem Studium wollten alle zu den großen Firmen. Lisa wusste gleich, dass sie das nicht wollte. Die Welt ein kleines bisschen besser machen, das wollte sie. Auf einer FoodMesse lernte sie Gregor, ihren späteren Boss, kennen. Sie arbeitete dort als Hostess. Nachdem sie schon den ganzen Vormittag von Besuchern belästigt wurde und ihr die Füßen weh taten, stand er auf einmal da. „Hey, du bist hier ja völlig falsch!“, stellte er zweifelsfrei fest, während er energisch den Zeigefinger auf sie richtete. „Suchst du zufällig einen Job, Süße?“ Lisa suchte in der Tat. Voller Enthusiasmus erzählte er ihr von seiner Idee. Er skizzierte grob die Idee eines Süßwaren-Start-Ups und betonte, dass er unbedingt noch eine Business Partner*in suche. Lisa dachte sich: „Jackpott!“ und traf sich am nächsten Tag mit ihm. Die beiden wurden sich schnell einig und Lisa war als Produkt Managerin eingestellt. Sie arbeitete Tag und Nacht, die ersten Jahre. Sie bekam wenig Schlaf und noch weniger Gehalt. Der Traum, als Partnerin von Gregor einzusteigen, verflüchtigte sich bald, als er ihr eines Tages verkündete, dass sein alter Kumpel aus Hamburg gerade hergezogen war. Der wollte, welch Zufall, auch „unter die Gründer gehen“. Lisa wurde eiskalt abserviert. Gregor beteuerte, dass sie im Herzen immer die ist, die das „Ding zum Laufen gebracht hat.“ Lisa war desillusioniert und zog sich immer mehr zurück. Sie wurde ausradiert. Auf Grund einer personellen Umstrukturierung wurde sie von einem Tag auf den anderen vom Management in den Verkauf in einen Pop-Up-Store verfrachtet. Es war kein Rückschritt, es war eine Demütigung, wenn sie bedachte, dass sie als Hostess immerhin noch Überstunden bezahlt bekommen hatte. Ihre harte Arbeit, alles umsonst.„Das ist nur so lange wir noch nicht die richtige Position für dich gefunden haben, Süße.“, beteuerte Gregor jede 2. Woche, wenn er ihr einen obligatorischen Besuch abstattete. Ihre Hoffnung schwand, die Tage verstrichen und Lisa funktionierte nur noch. Eines Samstag Morgens kam eine Frau in den Store und sah sich etwas um. Sie stellte detaillierte Fragen zu den Inhaltsstoffen und machte Lisa irgendwie neugierig. Als Lisa sie im Store herum geführt hatte, fragte sie: „Arbeitest du schon lange hier?“ Lisa antwortete etwas bedauernd und leicht zynisch: „Ja, 7 Jahre...“. „Hier ist meine Karte.Wenn du Interesse an einem Jobwechsel hast, melde dich gerne bei mir!“ Die Frau verschwand durch die Tür. Lisa schaute sich die Karte genauer an. Katharina Knapp / CEO / „SWEET BUT PSYCHO“. Ein paar schlaflose Nächte später rief Lisa die Nummer auf der Karte an: „Hallo, hier ist Äh... Lisa. Sie waren im „The Big Box Store“ und ich wollte mich mal melden.“ „Oh, hi Lisa. Wollen wir uns treffen?“ Ein Jahr später, Lisa besucht erneut die Food-Messe, auf der sie Gregor damals rekrutiert hatte. Diesmal ist sie keine Hostess mehr. Sie steht an einem hohen Tisch mit Katharina, ihrem neuen Boss, und drei anderen CEOs. In der Ferne erkennt sie Gregor wie er auf sie zusteuert. Er wirkt leicht angetrunken. Sie dreht sich souverän in seine Richtung und winkt ihn an den Tisch. Katharina und die drei anderen am Tisch blicken ihn erwartungsvoll an. Er räuspert sich: „Äh Lisa, magst du uns nicht einander vorstellen?“